Sieben Perspektiven, eine Familiengeschichte – Stefan Czimmek über „Sieben Seelen – Ringen um Familie“

Eine Depression betrifft nicht nur den Menschen, der erkrankt. Sie verändert Beziehungen, verschiebt Rollen und kann innerhalb einer Familie Spuren hinterlassen, die noch Jahre später sichtbar werden. Genau davon erzählt der Dokumentarfilm „Sieben Seelen – Ringen um Familie“.

Regisseur Stefan Czimmek blickt darin auf seine eigene Familiengeschichte. Als die Depression seines Vaters ausbricht, ist er bereits von zu Hause ausgezogen, aber ein Teil seiner vier Geschwister lebt zu dem Zeitpunkt noch zu Hause und erlebt die Erkrankung hautnah jeden Tag mit. Erst Jahre später wird ihm bewusst, wie unterschiedlich seine Geschwister diese Zeit erlebt haben und wie sehr einige von ihnen noch immer darunter leiden. Aus dieser Erkenntnis entsteht die Idee zu einem außergewöhnlich persönlichen Filmprojekt.

Über längere Zeit begleitet Stefan Czimmek seine Familie mit der Kamera. Dabei ist er nicht nur Regisseur, sondern selbst Teil der Geschichte. In diesem Interview spricht er darüber, wie es ist, die eigene Familie zum Gegenstand eines Films zu machen, warum dieser Prozess für ihn mit Schuldgefühlen begann und was er heute Familien mitgeben möchte, die selbst von einer Depression betroffen sind.

Im Rahmen der Woche der Seelischen Gesundheit zeigen wir den Film am 18.10.2026 in der ASTOR Film Lounge und freuen uns sehr, dass dies ermöglicht werden kann. Erfahre hier mehr über das Screening.


Fürstenberg Foundation: Was war der Auslöser für das Filmprojekt und was hat dich dazu bewegt, diese sehr persönliche Geschichte filmisch zu erzählen?

Stefan Czimmek: Ich bin das älteste Geschwisterkind in unserer Familie. In dem Jahr, als die Depression meines Vaters ausbrach, bin ich weggezogen und habe wenig von seiner Krankheit mitbekommen. Ehrlicherweise habe ich mich damals auch nicht besonders dafür interessiert.

Jahre nach seiner Genesung habe ich festgestellt, dass einige meiner Geschwister sehr unter dieser Zeit gelitten haben – teilweise bis heute. Plötzlich hatte ich meinen jüngeren Geschwistern gegenüber Schuldgefühle, weil ich das Gefühl hatte, sie damals im Stich gelassen zu haben.

Einige Monate später brach Corona aus und mir fielen etliche Produktionen weg. Ich überlegte, welches Projekt ich in dieser Zeit selbst umsetzen könnte. So entstand die Idee, einen Film über uns als Familie zu machen und darüber, wie wir versuchen, mit dieser gemeinsamen Vergangenheit umzugehen. Daraus ist ein Film über Annäherung, Familienzusammenhalt und das Ringen um die eigene Familie geworden.

Filmstill: Vater Uwe

Zwischen Familiengeschichte und Filmprojekt

Fürstenberg Foundation: Mit welchen Sorgen oder Erwartungen bist du in die Produktion gestartet?

Tatsächlich hatte ich gar nicht so wahnsinnig viele Sorgen, sondern immer ein Grundvertrauen, dass es am Ende gut wird. Gleichzeitig wollte ich auf keinen Fall jemanden bloßstellen oder vorführen. Ich hatte ein ehrliches Interesse an den Geschichten meiner Familie.

Natürlich gab es trotzdem viele offene Fragen: Funktioniert das, was ich mir vorgenommen habe? Können wir uns alle öffnen und auf dieses Experiment einlassen? Was macht dieser Filmprozess mit uns als Familie und kann er uns auch schaden? Und ist unsere Geschichte für andere überhaupt interessant?

Von der Idee bis zur Fertigstellung sind über fünf Jahre vergangen. Schon im ersten Jahr habe ich aber gemerkt, dass die Drehs funktionieren, dass gutes Material entsteht und niemand ernsthafte Zweifel an dem Projekt äußert.

Eine Frage hat mich trotzdem lange begleitet: Ist es wirklich eine gute Idee, unsere Geschichte für eine breite Öffentlichkeit zu produzieren – ohne zu wissen, was am Ende dabei herauskommt und was das mit uns macht? Gerade in Zeiten von Internet und Social Media müssen wir damit leben, dass dieser intime Einblick dauerhaft erhalten bleibt. Heute habe ich aber den Eindruck, dass wir ausreichend gefestigt sind und zu 100% hinter dem stehen, was wir gemeinsam geschaffen haben.


Was war dir besonders wichtig, als du dich entschieden hast, eure Familiengeschichte öffentlich zu erzählen?

Bei diesem Projekt schlugen zwei Herzen in meiner Brust. Zum einen das des Filmschaffenden, der eine gute Geschichte gefunden hat, die erzählenswert ist. Zum anderen das des Sohnes, Bruders und Betroffenen, dem ein guter Familienzusammenhalt wichtig ist.

Für mich stand deshalb immer fest, dass die Familie durch das Filmprojekt nicht zusätzlich gespalten werden darf. Gleichzeitig sind wir alle ein Risiko eingegangen. Niemand wusste zu Beginn, was am Ende herauskommen würde, wie die Öffentlichkeit reagieren oder was der gesamte Prozess mit uns als Familie machen würde.

Deshalb gab es von Anfang an ein Veto-Recht: Wenn jemand eine Szene absolut nicht in der Öffentlichkeit sehen wollte, hätte ich sie herausgenommen. Gleichzeitig habe ich viel eigenes Geld, Zeit und weitere Ressourcen investiert und deshalb zur Bedingung gemacht, dass der fertige Film veröffentlicht werden darf. Alle haben dem zugestimmt. Für diesen enormen Vertrauensvorschuss bin ich bis heute unglaublich dankbar.

Filmstill: Gruppenbild Familie Czimmek

Regisseur, Bruder und Teil der Geschichte

Du warst gleichzeitig Regisseur und Teil der Familie, über die du einen Film gedreht hast. Wie hast du diese Doppelrolle erlebt?

Die Doppelrolle war sehr herausfordernd. Ich hatte den Anspruch, technisch und inhaltlich hochwertige Interviews zu führen und gleichzeitig selbst vor der Kamera zu stehen – häufig ohne professionelle Unterstützung.

Auf der anderen Seite haben wir uns als Familie sehr auf diesen Film eingelassen. Alle haben bei meinen Ideen mitgemacht. Dadurch hat uns die Arbeit auch verbunden und sich oft wie ein gemeinsames Familienprojekt angefühlt.

Eine wichtige Rolle hatte dabei meine Schwester Clara Bach, die als Co-Regisseurin mitgewirkt und mich interviewt hat. Sie hat außerdem dabei geholfen, Szenen zu entwickeln, und war eine unglaubliche Bereicherung für den gesamten Schaffensprozess.


Gab es während der Dreharbeiten Momente, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?

Sehr bereichernd war für mich die persönliche Zeit mit den einzelnen Familienmitgliedern in ihrem jeweiligen Zuhause. Meist war ich einige Tage vor Ort. Wir hatten dieses gemeinsame Projekt, es entstanden viele schöne Gespräche und ich habe sehr viel über meine Familie gelernt.

Vor den Interviews wusste ich nicht, was passieren würde. Können wir uns wirklich öffnen? Oder ist die Situation so bizarr, dass alles trocken und steif wirkt? Glücklicherweise ist genau das Gegenteil passiert. Im Nachhinein glaube ich, dass gerade deshalb so gute Gespräche entstanden sind, weil wir eine unglaublich intime Atmosphäre schaffen konnten. Ich war als Interviewer emotional beteiligt und eben kein Fremder, sondern selbst Teil dieser Geschichte.


Was hast du während der Produktion über deine Familie erfahren, das dir vorher nicht bewusst war?

Tatsächlich sehr viel. Zum ersten Mal habe ich wirklich versucht zu verstehen, was während der Depression meines Vaters mit allen passiert ist. Vorher hatte das für mich keine große Rolle gespielt.

Ich habe dabei sechs sehr unterschiedliche Wahrnehmungen derselben Zeit kennengelernt. Gleichzeitig bin ich auch an meine eigenen Schmerzpunkte gekommen und habe Dinge über mich gelernt, die vorher im Verborgenen lagen. Auf vielen Ebenen war das ein sehr bereichernder Prozess – für mich und für uns als Familie.

Besonders erkenntnisreich war für uns außerdem eine Familienaufstellung.


Die Familienaufstellung spielt im Film eine wichtige Rolle. Welche Bedeutung hatte sie für euch?

Ich möchte inhaltlich gar nicht zu viel davon vorwegnehmen. Nur so viel: Die Familienaufstellung wurde für uns zu einem wichtigen Schlüssel, um unsere familiären Hintergründe besser zu verstehen. Dieser Tag war für uns ein sehr verbindendes Erlebnis, das bis heute nachwirkt.

Zur Vorbereitung hatte ich selbst zum ersten Mal an einem Aufstellungswochenende teilgenommen. Mir ist dabei wichtig zu sagen, dass man darauf achten sollte, solche Aufstellungen bei seriösen und entsprechend qualifizierten Personen zu machen. Es können sehr intensive Themen zum Vorschein kommen, die anschließend auch aufgefangen werden müssen.

Was bleibt, wenn der Film endet

Nach inzwischen zahlreichen Filmvorführungen: Was wünschst du dir, was die Zuschauer:innen aus dem Film mitnehmen?

Das lässt sich für mich inzwischen gar nicht mehr so eindeutig beantworten. Ich habe bei den Aufführungen gemerkt, dass Menschen mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen in den Film kommen und dementsprechend auch ganz unterschiedliche Dinge mitnehmen.

Für manche ist die Familienaufstellung besonders interessant, andere finden sich in einzelnen Geschichten und Erlebnissen wieder. Ein Zuschauer erzählte mir beispielsweise, dass ihn ausgerechnet eine Szene ganz am Anfang besonders berührt habe, in der wir als Familie gemeinsam Abendessen kochen. Für ihn waren diese Bilder vollkommen fremd, weil er so etwas aus seiner eigenen Familie nicht kannte.

Eines kann ich aber sagen: Es lohnt sich, in die eigene Familie zu blicken und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Das ist nicht für jeden Menschen und nicht zu jedem Zeitpunkt möglich. Aber wenn sich eine Möglichkeit dafür ergibt, kann ich aus meiner eigenen Erfahrung sagen: Mein Rucksack ist danach leichter geworden.

Unser Weg ist dabei keine Vorlage dafür, wie andere es machen sollten. Es ist unser Weg, der für uns funktioniert hat. Letztlich muss jede und jeder einen eigenen finden. Aber vielleicht sind Teile unseres Weges auch für andere hilfreich. 


Welche Botschaft möchtest du Menschen mitgeben, die selbst erleben, wie eine Depression einen nahestehenden Menschen und das gemeinsame Familien- oder Freundesleben verändert?

Kümmert euch – aber kümmert euch auch um euch selbst. Es ist niemandem geholfen, wenn ihr euch aufopfert und dabei selbst untergeht.

Vor Kurzem habe ich bei einer Veranstaltung zum Welttag der Suizidprävention ein Zitat des katholischen Priesters Paul Schobel gehört, das mir im Gedächtnis geblieben ist: „Reden ist Silber, schweigen ist Tod.“

Viele Menschen leiden darunter, dass niemand mit ihnen spricht. Sucht euch Anschluss in Selbsthilfegruppen, nutzt Angebote von Organisationen und Vereinen oder sucht euch therapeutische Unterstützung. Sprecht über das, was euch beschäftigt und belastet.

Bei Filmvorführungen höre ich außerdem immer wieder, wie wichtig es für Betroffene sein kann, dass andere einfach da sind, nachfragen und sie weiterhin einbeziehen. Das kann manchmal ein schmaler Grat sein. Aber man kann sich vorsichtig herantasten und gemeinsam herausfinden, was für beide Seiten funktioniert.

Und vor allem: Ihr müsst nicht alles alleine schaffen.

Filmstill: Die Geschwister Czimmek mit Mutter Angelika

„Sieben Seelen – Ringen um Familie“ zeigt, wie unterschiedlich Menschen dieselbe Familiengeschichte erleben können....

...Und wie lange die Auswirkungen einer psychischen Erkrankung innerhalb einer Familie nachwirken können. Gleichzeitig macht der Film deutlich, was entstehen kann, wenn Erfahrungen ausgesprochen, unterschiedliche Perspektiven gehört und schwierige Themen gemeinsam betrachtet werden.

Dabei liefert die Geschichte der Familie Czimmek keine allgemeingültige Antwort darauf, wie Familien mit psychischen Krisen umgehen sollten. Sie zeigt vielmehr einen ganz persönlichen Weg der Annäherung: Aneinander, an die gemeinsame Vergangenheit und an das, was lange unausgesprochen geblieben ist.

Im Rahmen der Woche der seelischen Gesundheit veranstaltet die Fürstenberg Foundation am 18. Oktober 2026 eine Filmvorführung mit anschließendem Gespräch in der ASTOR Film Lounge. Weitere Informationen findest du hier.

Gezeigt wird der bewegende Dokumentarfilm „Sieben Seelen – Ringen um Familie“ von Stefan Czimmek — ermöglicht durch die Unterstützung der ASTOR Film Lounge und Weischer Media.

Im Anschluss an den Film findet ein persönliches Gespräch statt mit Stefan Czimmek (Regisseur des Films), Uwe Czimmek (persönlicher Gesprächsgast und Vater des Regisseurs) und Reinhild Fürstenberg (Gesundheitsexpertin). Moderiert wird das Gespräch von Ulrike Dobelstein-Lüthe von REDEZEIT FÜR DICH und der Fürstenberg Foundation.

Unsere Gäste


Key Facts auf einen Blick:

  • Wann: Sonntag, 18. Oktober 2026 | Start: 10:30 Uhr, Einlass: 10:00 Uhr
  • Wo: ASTOR Filmlounge Hafencity, Am Sandtorkai 46a, 20457 Hamburg
  • Kosten: 10,45 pro Ticket
  • Das Geld wird für unsere gemeinnützige Arbeit verwendet.

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