
Ein Beitrag von Ulrike Dobelstein-Lüthe
Geschäftsführerin der Fürstenberg Foundation

und Sarah Fischer
Fürstenberg Foundation
Belastungen durch Pandemie, Klimakrise, Leistungsdruck, soziale Unsicherheiten und familiäre Konflikte führen dazu, dass immer mehr Jugendliche seelisch überfordert sind. Studien belegen: Bereits über zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland zeigen psychische Auffälligkeiten.
So zeigt das aktuelle Deutsche Schulbarometer, dass die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen erstmals seit dem Ende der Corona-Pandemie wieder steigt: 25 Prozent der Schüler:innen weisen psychische Auffälligkeiten auf, 26 Prozent berichten von einer geringen Lebensqualität.
Ein wichtiger Aspekt für ein vermindertes psychisches Wohlbefinden ist die Orientierungslosigkeit, die viele Jugendliche erleben. In der heutigen Zeit gibt es unzählige Möglichkeiten was die Berufswahl und die Lebensgestaltung betrifft. Diese Freiheit bringt jedoch häufig das Gefühl der Überforderung mit sich. Eltern stellen weniger Ansprüche an die konkrete Gestaltung der Zukunft ihrer Kinder und auch die Digitalisierung und Globalisierung tragen dazu bei, dass die Möglichkeiten zu groß und vielfältig erscheinen.

Prof. Dr. Dr. Andreas Hillert

Sophia Hillert

Dr. Carolin Göhre
Prof. Dr. Dr. Andreas Hillert ist Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck am Chiemsee und beschäftigt sich in mehreren Publikationen ausgiebig mit dem Thema Orientierungslosigkeit bei Jugendlichen.
Er entwickelte gemeinsam mit Sophia Hillert und Dr. Carolin Göhre den Jugend-Kompass (JuKo), ein Präventions- und Gruppentherapie-Programm für orientierungslose Jugendliche und Adoleszenten. In seinem 2025 erschienenen Buch „Rendezvous mit dem Säbelzahntiger“, das er gemeinsam mit Sophia Hillert schrieb, geht es um die Frage
„Wo bin ich und wo will ich hin?“.
Darin machen sich eine Gruppe Jugendlicher, allesamt hinsichtlich ihrer Lebensperspektiven orientierungslos, auf die Suche nach Antworten auf diese Frage.
Die Fürstenberg Foundation hat sich vor dem Hintergrund des Buches „Rendezvous mit dem Säbelzahntiger“ in einem Interview mit Prof. Dr. Dr. Hillert mit der Orientierungslosigkeit von Jugendlichen beschäftigt. Dabei geht es um die gesellschaftlichen Hintergründe dieses Themas und speziell um die Frage, welche Rolle Eltern und Familien dabei spielen.
Wie können sie ihre Kinder bestmöglich unterstützen und Orientierung geben? - Ein Interview von Sarah Fischer und Ulrike Dobelstein-Lüthe

Prof. Dr. Dr. Andreas Hillert

Sophia Hillert

Dr. Carolin Göhre
Prof. Dr. Dr. Andreas Hillert ist Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck am Chiemsee und beschäftigt sich in mehreren Publikationen ausgiebig mit dem Thema Orientierungslosigkeit bei Jugendlichen.
Er entwickelte gemeinsam mit Sophia Hillert und Dr. Carolin Göhre den Jugend-Kompass (JuKo), ein Präventions- und Gruppentherapie-Programm für orientierungslose Jugendliche und Adoleszenten. In seinem 2025 erschienenen Buch „Rendezvous mit dem Säbelzahntiger“, das er gemeinsam mit Sophia Hillert schrieb, geht es um die Frage
„Wo bin ich und wo will ich hin?“.
Darin machen sich eine Gruppe Jugendlicher, allesamt hinsichtlich ihrer Lebensperspektiven orientierungslos, auf die Suche nach Antworten auf diese Frage.
Die Fürstenberg Foundation hat sich vor dem Hintergrund des Buches „Rendezvous mit dem Säbelzahntiger“ in einem Interview mit Prof. Dr. Dr. Hillert mit der Orientierungslosigkeit von Jugendlichen beschäftigt. Dabei geht es um die gesellschaftlichen Hintergründe dieses Themas und speziell um die Frage, welche Rolle Eltern und Familien dabei spielen.
Wie können sie ihre Kinder bestmöglich unterstützen und Orientierung geben? - Ein Interview von Sarah Fischer und Ulrike Dobelstein-Lüthe
Fürstenberg Foundation: In „Rendezvous mit dem Säbelzahntiger“ schreiben Sie sinngemäß: Früher gab es klare Gefahren – heute scheint alles möglich, und doch wächst Unsicherheit. Was ist der „Säbelzahntiger“ unserer Zeit für Jugendliche – und wie taucht er im Alltag von Familien auf?
Prof. Dr. Dr. Andreas Hillert: Im Säbelzahntiger-Buch begegnen sich unterschiedliche junge Menschen, die ein gemeinsames Problem haben: entweder wissen sie nicht, wo sie im Leben hinwollen, oder sie haben mehrere Ideen dazu, die sich im Weg stehen. Jeder von uns hat nur ein Leben. Dies durch Orientierungslosigkeit zu verlieren, was anfangs nach Freiheit klingt und im Laufe der Zeit frustran und tragisch wird, ist der Säbelzahntiger unserer Zeit.
Dass der im Buch auftretende Säbelzahntiger auch nett und umgänglich sein kann, ist kein Zufall. Nicht alle heute als Bedrohung wahrgenommenen Aspekte sind objektiv so gefährlich, wie es scheint. Genau wie Quintus, der Säbelzahntiger, der auch ein kleiner freundlicher Mops sein kann.

Sophia Hillert ist Psychologin und promoviert derzeit an der FAU Erlangen. Parallel dazu studiert sie Operngesang an der Hochschule für Musik Nürnberg. Sie beschäftigt sich intensiv mit den aktuellen Entwicklungen in Gesellschaft und Arbeitswelt und ist erschrocken über deren Auswirkungen auf die individuelle Entwicklung und die Gesundheit von Jugendlichen.
Prof. Dr. phil. Dr. med. Andreas Hillert ist Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee und Dozent für Klassische Archäologie an der Katholischen Universität Eichstätt.
2025 - SWB Media Calw
ISBN 978-3-940259-38-7
14,80€
Welche Stressoren sind häufige „Säbelzahntiger“?
Stressoren sind Stressoren, etwa Leistungen, die man erbringen und Prüfungen, die man bestehen muss. Orientierungslosigkeit führt dazu, dass man diese Stressoren als erheblich belastender empfindet, als sie für andere Jugendliche sind, die wissen, wozu sie sich diesen Stressoren stellen. Orientierungslosigkeit potenziert gewissermaßen das Erleben von Belastung und Überforderung. Genau hier fletscht der Säbelzahntiger seine Zähne.
Viele Eltern erleben gerade, dass ihre Kinder „mehr können müssten“, aber innerlich blockiert sind. Was hat sich aus Ihrer Sicht in den letzten 10–15 Jahren so verändert, dass psychische Belastungen bei Jugendlichen spürbar zunehmen?
Neben dem Phänomen der „Orientierungslosigkeit“ war und ist die exzessiv gestiegene Medien-Nutzung diesbezüglich am problematischsten. Im Durchschnitt sind Jugendliche heute mehr als 4 Stunden am Tag online.
Online-Angebote und Netzwerke sind auf Suchtcharakter hin angelegt. Kurzfristig werden Bedürfnisse befriedigt und die Suche nach dem „Dopamin-Kick“ verleitet zu langer und häufiger Nutzung.
Dabei verringert sich jedoch die Zeit und Energie für Schule, soziale Kontakte und Aktivitäten, sowie den Erwerb sozialer Kompetenzen im realen Leben.
Welche Veränderung unterschätzen Eltern am meisten: Tempo, Vergleichsdruck, Entscheidungslast, Sinnfragen?
Auf solche facettenreichen Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Die Eltern selbst sind zumeist unter Rahmenbedingungen aufgewachsen, unter denen sie „mussten“, was für sie oftmals weder einfach noch angenehm war. Entsprechend wollen viele Eltern, dass ihre Kinder es besser haben als sie ihrerzeit. Und entsprechend möglichst uneingeschränkt ihre Freiheiten genießen können. Dass ist einerseits sympathisch, andererseits aber, für die Kinder und dann letztlich für alle, fatal.
Man wächst an der Auseinandersetzung mit Herausforderungen. Früher halfen die Ansprüche der Eltern dabei, für sich die Fragen „Will ich das?“ oder „Was will ich nicht/stattdessen?“ zu beantworten. Einen gesunden Selbstwert muss man sich erarbeiten, dafür ist eine Auseinandersetzung mit Problemen und Herausforderungen fundamental. Das Motto „Hauptsache Spaß im Leben“ führt verglichen damit, oft in Orientierungslosigkeit und Selbstwert-Krisen. Es gibt de facto keinen Beruf und keinen Lebensentwurf, bei dem Spaß garantiert ist. Wer das zum Entscheidungskriterium macht, hat verloren, egal wohin er sich vom Leben treiben lässt.
Sie beschreiben Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichem Wandel, Leistungsdruck und psychischen Erkrankungen. Warum kann Freiheit heute überfordern und was bedeutet das z.B. für Eltern?
Ehemals war die berufliche Entwicklung von Menschen durch den gesellschaftsimmanenten Erwartungsdruck zumeist von außen vorgegeben. Orientierungslose und selbst diese Orientierung verweigernde junge Menschen fanden im Laufe ihres Lebens zumeist in eben diese Strukturen zurück: 68er Aussteiger, die ein alternatives Leben auf Kreta führen wollten, waren Jahre später als Sozialwissenschaftsprofessoren tätig. Sie fanden sich dann ziemlich genau in den Rollen wieder, gegen die sie früher protestiert hatten. Ein solcher gesellschaftsimmanenter Erwartungsdruck hat sich heute in vielen sozialen Milieus minimiert. Heute kann man alles machen, alles werden. Theoretisch.
Um die damit verbundene Freiheit nutzen zu können, fehlen vielen Heranwachsenden oft elementare Fähigkeiten. Wer keine Struktur von außen bekommt, muss sie sich von innen herausgeben. Heranwachsende entsprechend auszubilden, steht derzeit weder auf dem Lehrplan von Schulen noch auf der Erziehungs-Agenda vieler Eltern, die ihre Kinder ja nicht einzuschränken oder unter Druck setzen wollen...
Was bietet/fördert Orientierung und was verhindert sie?
Wenn es ein tragfähiges Miteinander von Eltern und Heranwachsenden gibt, in dem Interessen vermittelt und ausgetauscht werden können, Heranwachsende in den Beruf der Eltern und deren Lebensphilosophie einbezogen werden und man sich gemeinsam damit auseinandersetzt, dann resultiert aus diesem Prozess: Orientierung.
Parallel dazu gibt es viele derzeit nicht sonderlich populäre Faktoren, die das allgemeine Wohlbefinden und damit auch Orientierung positiv beeinflussen, etwa ein gesunder Schlafrhythmus und ein limitierter Medienkonsum.
Wenn ein Jugendlicher sagt: „Ich weiß nicht, was ich will“ – wie sollten Eltern am besten reagieren, damit daraus Bewegung statt Druck entsteht?
Zunächst einmal mit Verständnis, nicht zu wissen, was man will, ist aktuell schließlich, nicht nur unter Jugendlichen, ein geradezu epochales Phänomen. Und dann sollte man sich gemeinsam dransetzen und mögliche Optionen zu konkretisieren. Einschließlich der Option, sich zu entscheiden, sich nicht zu entscheiden, mit allen perspektivischen Konsequenzen. Alles ist endlich. Die Chancen, die man bekommt, sind limitiert. Wer den Anschluss verpasst, wird darunter leiden. Wenn man das ehrlich macht, wird deutlich, dass Druck ein Teil der Realität in jedem Leben ist. Niemand ist eine Insel, ohne Generationenverträge gibt es keine Gesellschaft und ohne Ziele und verbindliche Inhalte droht: Einsamkeit.
Besorgte Eltern, die ihre Kinder so lange es geht, vor „Druck“ zu schützen versuchen, sind im besten Fall wohlmeinend-naiv und ansonsten machen sie es sich einfach. Wenn man dann, was keine einmalige Aktion, sondern ein Prozess über Jahre ist, die Optionen konkretisiert hat, gilt es die Jugendlichen zu unterstützen praktische Erfahrungen zu sammeln. So früh wie möglich.
Also: Gemeinsam auf die Suche machen! Theoretisch und vor allem praktisch. Und dabei Konflikte und auch Druck nicht scheuen… Heranwachsende kapieren oft erst (zu) spät, dass sich verlorene Lebensjahre nicht nachholen lassen. Die Verantwortung darauf hinzuweisen (und ein Vorbild zu sein) liegt bei den Eltern.
Die Idee „Jugendliche müssen selbst wissen, was für sie gut ist“, ist eine Verantwortungs-Verweigerungshaltung von Eltern, die damit aktuelle Konflikte meiden um später, wenn es schlecht läuft, um so größere Probleme mit den „Kindern“ zu haben (die dann Therapeuten lösen sollen).
Wie können Eltern Orientierung fördern (Werte, Interessen, Belastungsgrenzen)?
Eltern sind Vorbild. Im Guten wie im Desolaten. Wer nur über seinen Job, die Politik und die Gesellschaft schimpft und in diesem Anti-Modus lebt, online und real, der macht die besten Fragen zur Farce. Die Punkte sind:
Eigene Werte leben und Kinder von Anfang an daran teilhaben lassen.
Eigene Interessen pflegen und Kinder daran, altersentsprechend, teilhaben lassen, auch wenn die mal „keinen Bock“ haben.
Heranwachsende in alle Aspekte des Lebens, von Geburt bis zur Beerdigung der Oma, einbeziehen und die damit verbundenen, freudigen bis traurig-existenziellen Themen gemeinsam erleben und reflektieren.
Wie können Eltern Werte vermitteln, ohne zu moralisieren?
Vorbild sein, seine Werte leben und Verantwortung übernehmen. Wer das tut, der moralisiert nicht. Dass ist für Eltern und für jeden von uns herausfordernd, mitunter unbequem und anstrengend.
Wo liegt die Grenze zwischen A) Hilfe und Übernahme? Woran B) merken Eltern, dass sie zu viel kompensieren?
A: Die Grenze, wenn es sie denn gibt, ist fließend. An welche Aufgaben denken Sie bei der Frage? Etwa wenn ein Referat für die Schule geschrieben werden soll? Dann finde ich es durchaus angemessen, wenn die Schule es nicht macht, mit den Jugendlichen das Thema gemeinsam zu bearbeiten, ihnen praktisch zu helfen, wie man vorgeht, um sie dann das Resultat selbst schreiben und vortragen zu lassen. Nach dem Motto: Erziehung ist immer eine Art Familienunternehmen.
B: Wenn die Jugendlichen anschließend nicht in der Lage sind, ähnliche Aufgaben allein zu machen. Letzteres lernt man nur, wenn man auch Fehler machen darf.
Wenn Eltern das Gefühl haben: „Wir kommen allein nicht weiter“ – welcher Weg ist der richtige und welche Anlaufstellen empfehlen Sie?
Dann lieber früher als später Unterstützung suchen, je nach Thema zwischen Erzieher*innen bis Schulberatung, Psychotherapeut*in bis Selbsthilfegruppe. Und dabei von Anfang an bereit sein, seine eigenen Muster bzw. seine Lebensgestaltung zu hinterfragen. Und selbstverständlich den Säbelzahntiger lesen! Gerne gemeinsam.
Welche eine Gewohnheit empfehlen Sie Eltern, die sofort Druck rausnimmt und Orientierung stärkt?
Wieso ist Druck schlecht? Und warum sollte man ihn sofort rausnehmen? Das ist schlicht das Leben. Oft resultiert Orientierung aus der Antizipation und konstruktiven Wendung von Druck-Szenarien.
Also lieber Perspektiv-Übernahme: „An Deiner Stelle würde ich mich auch unter Druck fühlen…“ und dann klären, warum es gut sein könnte, sich der Sache zu stellen und was nötig ist, um das Problem erfolgreich zu bewältigen. Orientierung ist für (und mit) Heranwachseden ein interaktiver Prozess. Der Säbelzahntiger macht es vor.

Ikigai ist ein japanisches Konzept, das wörtlich „der Sinn des Lebens“ oder „das, wofür es sich zu leben lohnt“ bedeutet
Wenn Sie das Interview mit einer Mini-Checkliste für Eltern beenden: Welche fünf Punkte müssten darauf stehen?
Welche Interessen haben mein Kind und ich gemeinsam? Falls die Antwort lautet, „keine“, dann umgehend auf die Suche machen, zum Beispiel in der gemeinsamen Vergangenheit.
Weiß mein Kind, wie ich die Probleme, die ich hatte, als ich in seinem Alter war, gelöst habe?
Gemeinsam das Ikigai-Modell* diskutieren (kommt auch im Säbelzahntiger vor!)
Gemeinsam kochen, einen Ausflug machen und dabei üben, Konflikte spielerisch auszutragen
Sich gegenseitig, z.B. drei Minuten, aktuelle eigene Probleme erzählen, Anerkennung geben und, wenn passend, Unterstützungsmöglichkeiten besprechen. Und gelegentlich gemeinsam überlegen, was man in zehn, zwanzig und dreißig Jahren gemeinsam unternehmen könnte. Niemand ist eine Insel. Orientierung ist immer auch Orientierung am anderen (ansonsten wäre sie Psychopathologie) und ein familiärer Generationenvertrag ist wichtiger als Netflix. Ausnahme: einzig und allein der Säbelzahntiger. Aber der liegt, wenn alles gut läuft, entspannt im Körbchen.
