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Die nächste Klassenarbeit steht an... Im Gruppenchat scheint das Leben der anderen leichter zu sein... Die Nachrichten machen Sorgen... Zu Hause gibt es Streit... Und auf die Frage „Wie geht es dir?“ kommt trotzdem ein „Passt schon!“.
Vielleicht kennst du das selbst? Vielleicht beobachtest du aber auch als Mutter, Vater, Lehrer*in oder Bezugsperson, dass ein junger Mensch stiller wird, schneller gereizt reagiert oder kaum noch Freude an Dingen hat, die früher wichtig waren.
In meiner Arbeit als Heilpraktikerin für Psychotherapie habe ich über die Jahre viele jugendliche Klient*innen begleitet. Dabei ist mir eine Haltung besonders wichtig: Ich möchte nicht vorschnell beurteilen, warum jemand gerade nicht mehr „funktioniert“. Ich möchte verstehen, was diesen Menschen belastet, welche Unterstützung fehlt und welcher nächste Schritt hilfreich sein könnte.
Denn psychische Belastung ist kein persönliches Versagen. Und eine Depression ist mehr als eine schwierige Phase oder fehlende Motivation. Sie verdient Aufmerksamkeit, fachliche Abklärung und passende Hilfe.

Ein Gastbeitrag von Henrike Ortwein, Heilpraktikerin für Psychotherapie mit den Schwerpunkten Traumatherapie, Innere-Kind-Arbeit und Selbstliebe.
Wichtig: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Untersuchung, Diagnose oder Behandlung.
Psychische Belastung bei Kindern und Jugendlichen: Was zeigen die Zahlen?
Die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf untersucht die psychische Gesundheit junger Menschen seit 2020. In der Erhebung im Herbst 2025 wurden bei rund 23 Prozent psychische Auffälligkeiten erfasst; 25 Prozent berichteten erhöhte Angstsymptome, 18 Prozent Einsamkeit. Wichtig: Diese Ergebnisse beruhen auf Fragebögen und sind nicht mit individuell gestellten psychiatrischen Diagnosen gleichzusetzen.
Die Entwicklung ist differenzierter als „Alles wird jedes Jahr schlimmer“: Nach der deutlichen Verschlechterung während der Pandemie gab es eine teilweise Erholung. Mehrere Belastungswerte blieben jedoch erhöht. Depressive Symptome erreichten insgesamt zwischenzeitlich wieder das frühere Niveau; der erneute Anstieg seit 2024 war in der Gesamtauswertung statistisch nicht eindeutig.
Depressionen bei Mädchen: Was bedeuten 84.000 Betroffene und 90 Prozent Anstieg?
Nach dem DAK-Kinder- und Jugendreport 2025 erhielten 2024 hochgerechnet rund 84.000 Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren in Deutschland eine Depressionsdiagnose. Die Häufigkeit dokumentierter Depressionen lag in dieser Gruppe 27 Prozent über dem Wert von 2019. Gegenüber 2023 gab es dagegen einen leichten Rückgang. Die Zahlen stammen aus Abrechnungsdaten; sie bedeuten nicht, dass alle Betroffenen durchgehend eine Psychotherapie erhielten.
Auch die Angabe eines Anstiegs um 90 Prozent braucht Einordnung: Sie betrifft die Häufigkeit gleichzeitiger Diagnosen von Angststörungen und Depressionen bei 15- bis 17-jährigen Mädchen zwischen 2019 und 2024 – nicht sämtliche Jugendlichen mit einer dieser Erkrankungen.

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Als allgemeine Größenordnung nennt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention 5 bis 12 Prozent der Jugendlichen, die an einer Depression erkranken. Für Mädchen beschreibt sie eine dreimal so hohe Häufigkeit wie für Jungen; das LMU-Informationsportal „ich bin alles“ nennt etwa die doppelte Häufigkeit. Die genaue Größenordnung variiert somit zwischen Quellen. Die Angaben sind außerdem nicht unmittelbar mit einer jährlichen Diagnosehäufigkeit aus Kassendaten vergleichbar.
Die angemessene Schlussfolgerung lautet: Nicht eine ganze Generation ist krank. Aber ein erheblicher Teil braucht mehr Unterstützung. Dabei sollten Jungen und Jugendliche anderer Geschlechter genauso aufmerksam wahrgenommen werden.
Stress, Angst oder Depression: Wo liegt der Unterschied?
Nicht jede Traurigkeit ist eine Depression. Streit, Liebeskummer und Stimmungsschwankungen können zum Leben gehören, auch in der Pubertät. Gewöhnliche Stimmungsschwankungen sind meist vorübergehend. Bei einer Depression bestehen dagegen mehrere belastende Symptome über längere Zeit und beeinträchtigen den Alltag. Entscheidend sind Dauer, Stärke und das Gesamtbild.
Auch bei einer Depression kann die Stimmung wechseln und zwischenzeitlich aufhellen. Schnelle Stimmungswechsel allein sind jedoch kein eindeutiges Kennzeichen einer Depression. Umgekehrt schließt ein gelegentliches Lachen eine Erkrankung nicht aus.
Angst ist ebenfalls nicht automatisch eine Angststörung. Wenn Sorgen und Vermeidung aber Schule, Kontakte oder alltägliche Situationen zunehmend bestimmen, ist eine fachliche Einschätzung wichtig. Angststörungen und Depressionen können gemeinsam auftreten.
Mir ist wichtig, weder alles zur Krankheit zu erklären, noch ernsthafte Beschwerden als „typisch Teenager“ abzutun. Beides kann dazu führen, dass wir den tatsächlichen Unterstützungsbedarf übersehen.
Warum entstehen Ängste und Depressionen im Kindes- und Jugendalter?
Für Depressionen bei Jugendlichen gibt es selten einen einzelnen Grund. Meist wirken mehrere Faktoren zusammen: biologische Veranlagung, psychische Verarbeitung, Beziehungen und Lebensbedingungen. Eine familiäre Vorbelastung kann das Risiko erhöhen, legt den weiteren Lebensweg aber nicht fest. Umgekehrt kann eine Depression auch ohne eindeutig erkennbaren Auslöser auftreten.
Das Jugendalter bringt zudem körperliche, emotionale und soziale Veränderungen mit sich. Zugehörigkeit, Identität und Zukunftsfragen bekommen mehr Gewicht. Diese Entwicklungsaufgaben erklären nicht allein die Veränderungen der letzten Jahre, können zusätzliche Belastungen aber besonders bedeutsam machen.
Leistungsdruck und das Gefühl, nicht zu genügen
Schule ist nicht nur ein Lernort. Jugendliche erleben dort Anerkennung und Zugehörigkeit, aber auch Konkurrenz oder Ausgrenzung. Anhaltende Überforderung, Versagensängste und ein belastendes Klassenklima können die psychische Gesundheit beeinträchtigen.
Mein Anliegen an Erwachsene: Schauen wir nicht nur auf die schlechtere Note, sondern auf das, was dahinter passiert. Fehlt Wissen? Fehlt Schlaf? Gibt es Mobbing? Ist der junge Mensch mit seinen Sorgen allein?
Die hilfreiche Frage lautet nicht ausschließlich: „Wie bekommen wir die Leistung wieder hin?“ Sondern: „Was muss sich verändern, damit Lernen überhaupt wieder möglich wird?“
Einsamkeit und die Folgen der Pandemie
JA, noch immer hat Corona Auswirkungen auf die Psyche von (jungen) Menschen. Die Pandemie schränkte Kontakte ein und veränderte Alltagsbedingungen. Die COPSY-Ergebnisse zeigen zugleich, wie wichtig persönliche, familiäre und soziale Ressourcen für die psychische Gesundheit sind.
Einsamkeit lässt sich nicht allein an der Anzahl von Kontakten ablesen. Entscheidend ist auch, ob Menschen sich verbunden fühlen. Eine Depression kann Rückzug verstärken – wodurch Unterstützung noch schwerer erreichbar wird.
Deshalb würde ich eine abgesagte Verabredung nicht einfach als Desinteresse interpretieren. Sie kann auch bedeuten: „Ich würde gern, aber gerade fehlt mir die Kraft.“
Zukunftssorgen und schwierige Lebenslagen
Kriege, Klimakrise und wirtschaftliche Unsicherheit beschäftigen viele Jugendliche. Das UKE-Team um Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer beschreibt entsprechende Sorgen sowie besondere Belastungen bei schwierigen familiären Bedingungen. Solche Zusammenhänge beweisen allerdings nicht, dass Nachrichten unmittelbar eine Depression verursachen.
Finanzielle Probleme, beengtes Wohnen oder die psychische Erkrankung eines Elternteils können Herausforderungen verstärken. Daraus sollten keine Schuldzuweisungen entstehen. Wer Jugendliche stärken möchte, muss häufig auch ihre Familien entlasten. Ein Gespräch über Selbstfürsorge ersetzt weder sicheren Wohnraum noch erreichbare Behandlung.
Social Media: Verbindung und Belastung zugleich
Soziale Medien ermöglichen Austausch und Kontakt zu Freundinnen und Freunden. Gleichzeitig können ständiger Vergleich, belastende Inhalte und eine Nutzung, die Schlaf oder andere Aktivitäten verdrängt, problematisch werden. Nicht nur die Bildschirmzeit zählt, sondern auch Inhalte, Nutzungsmotive und Folgen im Alltag. Einen interessanten Artikel zum Thema "Doomscrolling" findest du hier.

Bild mit KI erstellt, Fürstenberg Foundation
Statt „Das Handy ist schuld“ würde ich fragen: Wie fühlst du dich nach dem Scrollen? Welche Inhalte setzen dich unter Druck? Wo erlebst du echte Verbindung?
Bei Cybermobbing braucht es Schutz und ein Eingreifen des Umfelds – nicht nur den Rat, sich weniger zu Herzen zu nehmen.
Traumata, Mobbing und fehlende Sicherheit
Traumatische Erfahrungen und Mobbing gehören zu den Risikofaktoren für Depressionen. Gewalt, Vernachlässigung oder der Verlust nahestehender Menschen können die psychische Gesundheit belasten. Erfahrungen aus dem Kindesalter können dabei weiterhin eine Rolle spielen. Aus einem Symptom lässt sich jedoch keine bestimmte Vergangenheit ableiten.
Als Traumatherapeutin möchte ich diese Zusammenhänge aufmerksam betrachten, ohne alles auf Trauma zurückzuführen. Nicht jeder Stress ist ein Trauma, und nicht jede Depression braucht dieselbe Herangehensweise.
Meine erste Frage wäre deshalb nicht: „Welche alte Verletzung müssen wir finden?“ Sondern: „Was braucht dieser junge Mensch, um sich heute sicherer und weniger allein zu fühlen?“
Depressionen bei Jugendlichen erkennen: Welche Anzeichen sind wichtig?
Eine Depression bei Teenagern zeigt sich nicht immer durch Weinen. Starke Reizbarkeit, Wutausbrüche oder manchmal aggressives Verhalten können ebenfalls dazugehören. Das bedeutet weder, dass depressive Jugendliche grundsätzlich aggressiv sind, noch dass Aggressivität allein eine Depression belegt.
Fachliche Aufmerksamkeit verdienen insbesondere folgende Veränderungen:

Wenn mehrere Symptome über mindestens zwei Wochen an den meisten Tagen bestehen und den Alltag beeinträchtigen, kann das auf eine depressive Episode hinweisen. Die Diagnose stellen dafür qualifizierte Fachkräfte.
Die Zwei-Wochen-Grenze ist keine Aufforderung abzuwarten: Bei starken Beschwerden, Selbstverletzungen oder Suizidgedanken muss früher Hilfe organisiert werden.
Wenn der Körper die Belastung zeigt
Körperliche Beschwerden ohne feststellbare organische Ursache können auf eine Depression oder andere psychische Belastungen hinweisen. Trotzdem sollten wiederkehrende Schmerzen ärztlich abgeklärt und nicht vorschnell als „nur psychisch“ bewertet werden. Fehlende organische Befunde bedeuten nicht, dass Beschwerden eingebildet sind.
Selbstverletzendes Verhalten ernst nehmen
Selbstverletzungen können eine Depression begleiten, kommen aber auch bei anderen Belastungen vor. Sie bedeuten nicht automatisch, dass jemand durch Suizid sterben möchte. Dennoch bestehen Zusammenhänge mit einem erhöhten Suizidrisiko. Deshalb braucht es eine ruhige, ernst nehmende Reaktion und professionelle Unterstützung – keine Vorwürfe oder Bestrafung.
Meine traumasensible Perspektive: Verstehen, ohne vorschnell zu deuten
Wenn ich von traumasensibler Begleitung spreche, meine ich zunächst eine Haltung: zuhören, verständlich erklären, Grenzen achten und den jungen Menschen an Entscheidungen beteiligen.
Auch Selbstliebe verstehe ich nicht als Aufforderung, sich plötzlich großartig zu finden. Ich meine einen weniger abwertenden Umgang mit sich selbst. Aus „Ich bin eine Enttäuschung“ darf zunächst werden: „Mir geht es gerade schlecht, und ich brauche Unterstützung.“
Die Innere-Kind-Arbeit ist Teil meines beruflichen Schwerpunkts. Den Begriff verstehe ich als bildhafte Möglichkeit, über frühere Erfahrungen, Bedürfnisse und erlernte Reaktionen zu sprechen – nicht als Erklärung für jede Erkrankung.
Weder Selbstliebe noch Innere-Kind-Arbeit ersetzen eine fachgerechte Diagnostik oder notwendige Behandlung. Bei Depressionen im Jugendalter gehören die Auswahl geeigneter Verfahren und die Einschätzung möglicher Begleiterkrankungen in die Hände entsprechend qualifizierter Behandler*innen.
Hands on! Was du als Jugendliche*r konkret tun kannst
Du musst deine Beschwerden nicht perfekt erklären können, bevor du Unterstützung suchst. Und du musst nicht allein herausfinden, ob dahinter Stress, Angst oder eine Depression steckt.

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1. Einen Menschen einweihen
Suche eine Person, bei der du dich sicher fühlst: ein Elternteil, eine andere erwachsene Bezugsperson, die Schulsozialarbeit oder eine Beratungsstelle, zum Beispiel REDEZEIT FÜR DICH. Wenn zu Hause kein sicherer Gesprächsraum besteht, darfst du Unterstützung außerhalb der Familie suchen.
Eine mögliche Nachricht wäre:
„Mir geht es seit einer Weile nicht gut. Ich bekomme es allein gerade nicht sortiert.
Kannst du mir zuhören und mit mir überlegen, wo ich Hilfe finde?“
REDEZEIT FÜR DICH - KOSTENFREI
Sprich jetzt mit jemandem
Wenn du gerade jemanden brauchst, der dir zuhört, kannst du hier direkt ein Gespräch finden: Bei unserem Hilfsangebot REDEZEIT FÜR DICH sprichst du mit geschulten Gesprächspartner:innen – vertraulich, ohne Druck und ohne Bewertung. Du kannst über das sprechen, was dich gerade belastet – egal um welches Thema es geht.
Wenn du gerade jemanden brauchst, der dir zuhört, kannst du hier direkt ein Gespräch finden: Bei unserem Hilfsangebot REDEZEIT FÜR DICH sprichst du mit geschulten Gesprächspartner:innen – vertraulich, ohne Druck und ohne Bewertung. Du kannst über das sprechen, was dich gerade belastet – egal um welches Thema es geht.
2. Den Alltag kleiner und verlässlicher machen
Regelmäßiger Schlaf, ausreichendes Essen und Bewegung können helfen. Dabei geht es nicht um ein perfektes Gesundheitsprogramm. Ein überschaubarer Tagesrhythmus und eine machbare Aktivität sind oft der sinnvollere Ausgangspunkt.
Mein Vorschlag: Wähle zunächst einen kleinen Schritt. Gemeinsam frühstücken, kurz nach draußen gehen oder abends Benachrichtigungen ausschalten. Das ist Unterstützung – keine Prüfung und kein Ersatz für Therapie.
3. Kontakt in einer machbaren Form halten
Freundinnen und Freunde müssen nicht immer die richtigen Worte finden. Manchmal ist gemeinsames Essen oder ein Spaziergang leichter als ein langes Gespräch. Unterstützung kann auch bedeuten, bei der Suche nach professioneller Hilfe nicht allein zu sein.
Du darfst sagen, was gerade möglich ist: „Ich möchte dich sehen, aber heute nicht lange bleiben.“
Was Eltern, Lehrer*innen und Bezugspersonen tun können

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1. Beobachten und ansprechen – statt bewerten
Ein Gespräch beginnt leichter mit einer konkreten Beobachtung als mit einer fertigen Erklärung. Sprich in einem ruhigen Moment an, was dir auffällt, ohne sofortige Offenlegung zu verlangen. Druck und Vorwürfe helfen nicht.
Ein möglicher Einstieg:
„Mir fällt auf, dass du kaum noch zu deinen Verabredungen gehst. Ich möchte verstehen, wie es dir damit geht. Möchtest du erzählen?“
Sätze wie „Andere haben es schlimmer“ oder „Denk einfach positiver“ würde ich vermeiden. Gerade in belastenden Phasen möchte ich zunächst das Erleben ernst nehmen.
2. Unterstützung konkret machen
Statt „Melde dich, wenn du etwas brauchst“ würde ich etwas Überschaubares anbieten: gemeinsam eine Praxis anrufen, einen Termin begleiten oder überlegen, welche Verpflichtung vorübergehend reduziert werden kann.
Dabei sind mir Wahlmöglichkeiten wichtig: „Soll ich mitkommen oder möchtest du erst allein sprechen?“ Beteiligung ist mir wichtiger als ein Vorgehen über den Kopf des Jugendlichen hinweg.
3. Schule als unterstützenden Ort gestalten
Eine Depression kann Aufmerksamkeit, Konzentration und Belastbarkeit einschränken. Schulpsychologie, Schulsozialarbeit und Beratungslehrkräfte können helfen, Entlastung zu organisieren. Möglich sind eine feste Ansprechperson, vorübergehend angepasste Anforderungen und abgestimmte Rückkehrschritte nach einer Erkrankung. Persönliche Informationen sollten dabei geschützt bleiben.
Mein Maßstab wäre: Jugendliche sollen Unterstützung bekommen, nicht erst beweisen müssen, dass sie ausreichend leiden.
Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie: Wie die Behandlung hilft

Der erste Schritt ist eine sorgfältige Diagnostik
Erste Anlaufstellen können Kinder- und Jugendarztpraxen oder Hausarztpraxen sein. Spezialisierte Unterstützung bieten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen sowie Fachärztinnen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Ein Kontakt zur Jugendpsychiatrie bedeutet nicht automatisch einen stationären Aufenthalt.
Zur Diagnostik gehören Gespräche über Symptome, Entwicklung, Lebensumstände und vorhandene Unterstützung. Auch andere Erkrankungen werden berücksichtigt, etwa gleichzeitig bestehende Angststörungen oder Essstörungen.
Für eine psychotherapeutische Sprechstunde ist keine Überweisung notwendig. Der Patientenservice 116117 unterstützt bei der Terminvermittlung. Eine Sprechstunde dient zunächst der Abklärung und bedeutet nicht automatisch, dass sofort ein langfristiger Therapieplatz verfügbar ist.
Welche Orientierung gibt die S3-Leitlinie?
Psychotherapie ist bei Depressionen im Jugendalter die Behandlung der ersten Wahl. Sie bildet damit einen zentralen Schwerpunkt der Versorgung. Das LMU-Portal „ich bin alles“ erläutert diese Empfehlungen auf Grundlage der S3-Leitlinie zur Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Welche Therapie passt, wird individuell entschieden.
Expertinnen und Experten empfehlen vor allem die kognitive Verhaltenstherapie. Sie gehört zu den etablierten, häufig eingesetzten Verfahren und hilft dabei, belastende Gedanken und Verhaltensmuster zu erkennen, Handlungsmöglichkeiten zurückzugewinnen und den Alltag schrittweise aufzubauen.
Das ist nicht dasselbe wie „positiv denken“. Es geht um einen strukturierten therapeutischen Prozess mit konkreten Übungen. Ziele und Verlauf werden gemeinsam mit den jungen Patientinnen und Patienten betrachtet; Bezugspersonen können einbezogen werden.
Welche Rolle spielen Medikamente und Kliniken?
Bei mittelgradigen oder schweren Depressionen können auch Medikamente sinnvoll sein, gegebenenfalls kombiniert mit Psychotherapie. Die Entscheidung richtet sich nach Schweregrad, Verlauf, Alter und individuellen Risiken und gehört in ärztliche Hände.
Wirkung und Nebenwirkungen müssen engmaschig überprüft werden. Gerade zu Beginn sind neu auftretende Unruhe oder verstärkte Suizidgedanken sofort mit der behandelnden Fachperson zu besprechen. Medikamente sollten nicht eigenständig verändert oder abgesetzt werden.
Reicht ambulante Unterstützung nicht aus, können Tageskliniken oder stationäre Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie intensiver helfen. Das ist kein persönliches Scheitern, sondern eine Anpassung der Behandlung an den tatsächlichen Bedarf.

Bei Suizidgedanken: Nicht allein bleiben und sofort Unterstützung holen!!!
Wenn ein junger Mensch äußert, nicht mehr leben zu wollen, sollte das immer ernst genommen werden. Erwachsene dürfen ruhig und direkt fragen: „Denkst du daran, dir das Leben zu nehmen?“ Eine solche Frage erhöht das Risiko nicht und kann ein wichtiges Gespräch ermöglichen.
Bei unmittelbarer Gefahr, konkreten Absichten oder nicht gewährleisteter Sicherheit: 112 anrufen und die betroffene Person nicht allein lassen. Freund*innen sollten eine vertrauenswürdige erwachsene Person einbeziehen und keine Geheimhaltung versprechen. Niemand muss eine solche Situation allein tragen.
Nummer gegen Kummer und weitere Anlaufstellen
Die Nummer gegen Kummer ist eine wichtige Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche in Deutschland – nicht erst bei einer Diagnose. Das Kinder- und Jugendtelefon ist unter 116 111 montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr anonym und kostenlos erreichbar. Über die Webseite gibt es auch Mail- und Chatberatung.
Die TelefonSeelsorge unter 116 123 ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar.
WICHTIG: Eine Online-Beratung oder ein Selbsthilfe-Chat ersetzt keine notwendige medizinische Behandlung. Bei unmittelbarer Gefahr nicht auf einen Chatplatz oder eine Antwort warten, sondern den Notruf wählen.
Wie die Fürstenberg Foundation unterstützt
Nicht jeder erste Schritt muss gleich ein ausführliches therapeutisches Gespräch sein. Manchmal geht es zunächst darum, Sorgen auszusprechen und Orientierung zu finden.
Mit REDEZEIT FÜR DICH bietet die Fürstenberg Foundation Zugang zu kostenlosen Gesprächen mit geschulten, ehrenamtlichen Zuhörer*innen. Das Angebot richtet sich auch an Jugendliche und Eltern. Es ist ein niedrigschwelliger Raum zum Zuhören – keine Psychotherapie und kein akuter Krisendienst.

Auf der Website finden Jugendliche außerdem einen Mental Health Guide und Informationen zu Support- und Anlaufstellen. Für Schulen gibt es Workshops zu mentaler Gesundheit, Stress, Leistungsdruck und schwierigen Gefühlen. Dabei werden auch konkrete Hilfswege vermittelt.
Dieses Engagement setzt an einem Punkt an, der mir wichtig ist: Psychische Gesundheit darf nicht erst Thema werden, wenn eine Krise eskaliert. Sie gehört in den Alltag – in Familien, Schulen und die Orte, an denen Jugendliche sich begegnen.
Mein Fazit: Jugendliche brauchen nicht immer perfekten Antworten – sondern vor allem verlässliche Hilfe
Ängste, Stress und Depressionen bei Jugendlichen lassen sich nicht mit einem einzigen Grund erklären. Ebenso wenig gibt es eine Lösung, die für alle passt.
Ich wünsche mir einen aufmerksameren Blick: weniger vorschnelles Bewerten, mehr echtes Nachfragen. Weniger Druck, sich zusammenzureißen, und mehr Unterstützung beim nächsten Schritt.
An Jugendliche möchte ich sagen: Du musst nicht erst völlig zusammenbrechen, um Hilfe zu verdienen.
Und an Erwachsene: Ihr müsst nicht jede Antwort kennen. Aber ihr könnt zuhören, Veränderungen ernst nehmen und helfen, dass Unterstützung erreichbar wird.
Alles Gute und Herzensgrüße,
Henrike Ortwein


