
Ein Beitrag von Lale Ahmerkamp
Gastautorin
Krankheitslast durch psychische Erkrankungen
Wie ermittelt man den Schweregrad einer Krankheit? Naheliegend ist der Blick auf die Letalität, also wie häufig eine Krankheit tödlich verläuft. An den direkten Folgen psychischer Erkrankungen müssen Menschen in aller Regel nicht sterben, Ausnahmen wie Anorexia Nervosa oder akute Suizidalität mal ausgenommen. Ein differenzierteres Maß ist die sogenannte Krankheitslast, erfasst in „Disability Adjusted Life Years“ (DALYs).
Sie beschreibt die Lebensjahre, die Menschen durch Krankheit verlieren. Betrachtet man diese Kennzahl, zählen psychische Erkrankungen global zu den vier bedeutendsten Krankheitsgruppen, direkt hinter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegsinfektionen und Krebs. Die Krankheitslast durch psychische Erkrankungen ist weltweit also gewaltig.
Hinzu kommen Entwicklungen der letzten Jahre; aktuell erfüllt in Deutschland mehr als jeder vierte Erwachsene im Zeitraum eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung, bei Kindern und Jugendlichen hat sich die Belastung nach der Pandemie nicht mehr erholt und der Behandlungsbedarf wächst stetig. Zudem sind psychische Erkrankungen die zweithäufigste Ursache für Krankheitstage und die häufigste Ursache für Frühverrentung. Naheliegend also, dass die Behandlung von psychischen Störungen gesellschaftlich eine hohe Priorität haben sollte.
Was ist jetzt passiert?
Etwas widersprüchlich wirkt da der Beschluss des gemeinsamen Bundesausschusses, die Vergütung für psychotherapeutische Leistungen ab dem 01. April 2026 um 4,5 % zu senken. Von den Kürzungen betroffen sind niedergelassene Psychotherapeutinnen, also diejenigen, die mit den Krankenkassen abrechnen. Die Kürzungen werden damit begründet, dass die Honorare für Psychotherapeutinnen im Vergleich zu anderen fachärztlichen Gruppen seit 2013 überdurchschnittlich schnell angestiegen seien.
Das ist zwar korrekt, man muss allerdings beachten, dass diese überproportionale Steigerung eine Reaktion auf die jahrelange Unterbezahlung von Psychotherapeutinnen war, die gerichtlich bereits festgestellt wurde. Damals wie heute haben Psychotherapeutinnen die mit Abstand niedrigsten Gehälter der vertragsärztlichen Fachgruppen, die Gehaltssteigerungen der letzten Jahre waren lediglich ein Versuch, die Lücke zur nächstschlechtbezahltesten fachärztlichen Gruppe etwas zu schließen.

Ein Werdegang mit Hürden
4,5% mögen nicht nach viel klingen, man muss diese Zahl aber im Kontext dessen verstehen, was man investieren muss, um den Beruf ausüben zu können. Um Psychotherapeutin zu werden, muss man mindestens fünf Jahre studieren, darauf folgt eine 5-7 Jährige Ausbildung, deren Kosten je nach Ausbildungsinstitut 20 000 – 50 000 Euro betragen. Wer danach mit den Krankenkassen abrechnen will, also nicht nur Therapie für Privatpatientinnen anbieten möchte, muss nach abgeschlossener Ausbildung auch noch einen Kassensitz erwerben.
Dieser kostet in Hamburg aktuell im Schnitt 20 000 Euro, teilweise bezahlt man auch sechsstellige Beträge. Man startet also nicht selten mit Mitte 30 auf einem Haufen Kreditschulden in den Beruf. Psychotherapeutin werden – das muss man wirklich wollen. Glücklicherweise tun das trotzdem viele Menschen, ich bin eine davon. Nur ist es so, dass wir aktuell gar nicht Psychotherapeutinnen werden können. Mit der Reform von 2019 sollte die Weiterbildung neu geregelt und erstmals vergütet werden. Bis heute ist jedoch ungeklärt, wer diese Vergütung finanziert, mit der Folge, dass es keine neuen Weiterbildungsstellen und demnach keine neuen Therapeutinnen gibt. Absolventinnen hängen seitdem nach Ende ihres Studiums in der Warteschleife, obwohl der Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung kontinuierlich wächst.
Mögliche Folgen für Patient*innen
Die beschlossenen Kürzungen bedeuten neben erheblichen finanziellen Einbußen für Therapeutinnen auch einen erhöhten wirtschaftlichen Druck auf Psychotherapiepraxen. Und genau das ist der Teil, der uns allen Sorgen bereiten sollte. Wenn Psychotherapeutinnen 4,5% weniger Honorar für sämtliche Leistungen erhalten, ist es nicht unwahrscheinlich davon auszugehen, dass sie sich zukünftig gezwungen sehen, bevorzugt Privatpatientinnen aufzunehmen, um sich überhaupt finanzieren zu können.
Ebenfalls denkbar ist, dass künftig eher Patientinnen aufgenommen werden, deren Behandlung mit weniger (unvergütetem) logistischem Zusatzaufwand verbunden sind. Koordination mit anderen fachärztlichen Gruppen, Kommunikation mit Sozialdiensten, Organisation von Dolmetschenden usw., diese Tätigkeiten sind oft notwendig, um gerade für schwer oder komplex erkrankte Patientinnen adäquate Versorgung zu garantieren. Wenn dafür keine Zeit mehr bleibt, werden diese Patientinnen noch stärker benachteiligt als sie es eh schon sind. Dabei bräuchten sie die Behandlung am dringendsten.

Ein strukturelles Problem
Die jüngst beschlossenen Kürzungen stehen also nicht für sich allein, sondern sind Ausdruck eines völlig vernachlässigten Versorgungssystems, das Behandlerinnen und Patientinnen immer wieder an ihre Grenzen bringt. Wer psychische Gesundheit ernst nehmen will, muss Behandlerinnen stärken, statt ihre Arbeit systematisch abzuwerten. Dazu gehört mindestens eine verlässliche Finanzierung der Weiterbildung und eine angemessene Vergütung der bestehenden Leistungen. Die 4,5% Honorarkürzungen sind für (angehende) Psychotherapeutinnen nicht deshalb so schockierend, weil wir geplant hatten, mit dem Beruf reich zu werden. Sie sind deswegen schockierend, weil sie Ausdruck von Geringschätzung unserer Arbeit sind und weil sie diese weiter erschweren werden.
Dabei merken wir täglich, wie dringend diese Arbeit gebraucht wird. Psychotherapie ist Teil der medizinischen Grundversorgung und darf kein Luxus werden, kein Lifestyleprodukt, für das man 12 Monate Schlange stehen muss, oder zu dem man sich künftig nur noch mit Geld Zugang verschaffen kann. Psychische Erkrankungen kosten Patientinnen erhebliche Lebenszeit, die Folgen (unbehandelter) psychischer Erkrankungen kosten den Staat mehr als Psychotherapie es jemals könnte.
Vor diesem Hintergrund sind Honorarkürzungen gerade jetzt ein fatales Signal an Behandelnde und Patientinnen, welchen Stellenwert psychische Gesundheit in der Gesellschaft hat. Die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen, die in den letzten Jahren stattgefunden hat, ist eine große Errungenschaft, die Tatsache, dass mehr Menschen sich Hilfe suchen wollen ist ein Erfolg. Nur bringt es nichts, wenn die Versorgung so lückenhaft ist, dass diesen Menschen nicht geholfen werden kann. Die Honorarkürzungen sind somit ein weiterer Tropfen in einem Fass, das längst überzulaufen droht. Und das ist schlichtweg nicht hinnehmbar.
Über die Autorin
Lale Ahmerkamp studiert seit 2025 Psychologie im Master. Schon im Bachelor setzte sie sich für Chancengleichheit und Teilhabe ein, u.a. bei Plan International e.V. als Leiterin der Ehrenamtsgruppe „Youth Advocates“, mit Projekten zu Flucht, Migration und (mentaler) Gesundheit. Sie begleitet ehrenamtlich Jugendliche auf dem Weg in den Beruf und gab bereits Workshops zu psychischer Gesundheit an Schulen. Ihr Praktikum in der Flüchtlingsambulanz des UKE war prägend: Sie lernte viel über die Herausforderungen junger Geflüchteter mit psychischen Erkrankungen. Lale ist überzeugt, dass psychische Gesundheit gesellschaftlich eingebettet sein muss – strukturelle Hürden im Zugang zur Versorgung motivieren sie, sich weiterhin für mehr Gerechtigkeit einzusetzen. Wir freuen uns sehr, Lale als Gastautorin mit an Bord zu haben!
