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Ein Beitrag von Ulrike Dobelstein-Lüthe
Geschäftsführerin der Fürstenberg Foundation
Gerade gibt es einige filmische Auseinandersetzungen mit dem Thema mentale Gesundheit: Euphorie, Schattenseite oder aktuell auch Folgen von Maxton Hall, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Alles habe ich gesehen, mal für besser, mal für schlechter befunden.
Und immer mit zwei Herzen in meiner Brust geschaut: zum einen als Film-Mensch, mit über zwanzig Jahren Erfahrung in der Branche, zum anderen als Geschäftsführerin einer Foundation, die Menschen unterstützt, die mental instabil oder psychisch belastet sind.
Filmisch und dramaturgisch überzeugen sie alle: Kaum beginnen die ersten Szenen, bin ich gefesselt und folge den Hauptfiguren und ihren Geschichten. Doch gleichzeitig drängt sich ein anderes Gefühl immer wieder auf: Diese Filme und Serien werden in der Realität meist allein und ohne jede fachliche Einführung geschaut. Genau dort liegt das Problem. Während ich gebannt zusehe, frage ich mich, welche Wirkung diese Darstellungen auf Jugendliche haben, die ohne Einordnung vor dem Bildschirm sitzen.
Ja, es gibt Hinweise auf Hilfsangebote. Aber oft fliegen sie so schnell über den Screen, dass man sie weder lesen noch behalten kann. Erst recht nicht nach einer Abfolge von Szenen, in denen Drogen, Essstörungen, sexuelle Eskapaden oder Selbstzerstörung ungeschönt gezeigt werden. Wenn solche Inhalte ohne Kontext konsumiert werden, ohne Gespräch, ohne Vorbereitung: wer übernimmt dann eigentlich die Verantwortung? Und welche Konsequenzen kann es haben, wenn Jugendliche mit diesen Bildern und Geschichten allein gelassen werden?
Und da kommt "Babo - Die Haftbefehl-Story" ins Spiel
DIE Doku, die jetzt alle gesehen haben, über die seit Tagen in der Presse berichtet wird und durch die Reinhard Mey ein Comeback feiert.
Einige fordern bereits, dass dies eine Doku sei, die in Schulen gezeigt werden müsse, um offen und ehrlich über mentale Gesundheit und Drogenmissbrauch zu sprechen.
Mit meiner doppelten Perspektive habe ich auch „Babo – Die Haftbefehl-Story“ gesehen. Filmisch hat sie mich sofort gepackt, inhaltlich hinterließ sie jedoch deutliche Bauchschmerzen. Tage später arbeitete der Film noch in mir nach: Was genau löste diese Verstörung, ja sogar Wut aus?

Fotocredits: Netflix
Ein zentraler Punkt: Die gefeierte Loyalität von Nina Anhan. Viele sehen darin Stärke. Für mich ist es ein irritierendes Romantisieren von Co-Abhängigkeit. Das widerspricht meinem Verständnis von Selbstbestimmung. Frauen wie Nina brauchen Unterstützung und Schutz, nicht Applaus. Und ihre Kinder erst recht.
Die wahren Opfer dieser Geschichte sind die Kinder
Die Doku zeigt sie in Momenten, die man keinem Kind wünschen möchte: wie sie ihren Vater zugedröhnt im Auto finden. Wie sie ohne ihn verreisen, obwohl er versprochen hatte, dabei zu sein. Wie sie sich an ihn lehnen, während er kaum ansprechbar ist. Kinder, die Nähe suchen, obwohl der Mensch, den sie brauchen, innerlich weit weg scheint. Diese Szenen gehören zu den berührendsten des Films, gerade weil sie so leise und ungefiltert sind.
Doch genau darin liegt auch die Schwierigkeit. Die Kamera bleibt sehr nah. So nah, dass die Kinder zu Teil einer Erzählung werden, die nicht für sie gemacht ist. Sie tauchen auf in einem Drama, dessen Konflikte sie nicht benennen und dessen Grenzen sie nicht schützen können. Ihre Verletzlichkeit wird sichtbar, ohne dass sie selbst entscheiden könnten, ob sie sichtbar sein soll.
Das fühlt sich weniger wie schonungslose Offenheit an, sondern eher wie ein Moment, in dem Zurückhaltung gutgetan hätte. Manchmal ist Abstand die behutsamere Form der Nähe. Vertrauen kann man gewinnen, aber man trägt dann auch Verantwortung dafür, wie man es nutzt. In „Babo“ geschieht das an einigen Stellen nicht. Haftbefehl wollte, dass weitergedreht wird, doch ob er erfassen konnte (oder kann), was diese Bilder langfristig bedeuten, bleibt eine offene Frage, kein Vorwurf.
Diese Szenen sind Teil ihrer Geschichte und jetzt gespeichert auf einer Plattform, jederzeit abrufbar. Und hier beginnt das eigentliche moralische Spannungsfeld dieser Doku: Sie möchte das Leid der Familie verständlich machen, aber in ihrer Intensität zeigt sie auch, wie schmal der Grat ist, wenn persönlich Schmerzhaftes öffentlich wird. Es entsteht ein Moment, in dem man sich fragt, wo die Grenze verläuft zwischen Einblick und Überexponierung und wie schnell aus Wahrhaftigkeit etwas werden kann, das sich ungewollt dem Mechanismus der Verwertung nähert.
Herkunft, Trauma, Verantwortung
Und doch bleibt da auch eine starke Aussage: An wichtigen Punkten seines Lebens hat Haftbefehl keine Unterstützung bekommen.In einem seiner Songs heißt es:„Depressionen im Ghetto, vergiss SOS, es kommt eh keine Rettung.“
Aykut Anhan wuchs in Offenbach im Plattenbau auf. Sein Vater nahm sich das Leben, als er 13 war. Danach rutschte er in die Drogensucht ab. Die Schule brach er ab, kam in Jugendarrest, trieb durch ein System, das ihn nie wirklich auffing. Seine Biografie ist geprägt von Verlust, Gewalt, Armut, Identitätskonflikten und von einem Land, das für viele wie ihn wenig Platz ließ zwischen Integration und Entfremdung. Und so sind auch seine Songtexte voll von Systemkritik und dem Gefühl, nirgends richtig hinzugehören.
Die Doku hält uns als Gesellschaft damit einen Spiegel vor: Wie gehen wir mit Schutzbedürftigen um? Was fehlt? Ein Beispiel aus dem Netz: Emanuela, 15, wählt in einer Projektwoche psychische Versorgung als Thema. «Ich will, dass die Menschen wissen, wie die Realität aussieht», sagt sie und: “Wir kommen viel schneller an Drogen, als an einen Termin beim Psychologen.”

Ein schlimmer, aber wahrer Satz: Nur etwa 10 % der Kinder und Jugendlichen mit psychischer Störung erhalten einen Therapieplatz.
2024 melden Praxen starkes Anfrageaufkommen, hohe Belastungen und bundesweit durchschnittlich sechs Monate Wartezeit.
Und genau hier geht wieder eine Schere auf: Menschen aus sozial schwächeren Backgrounds haben es noch schwerer, Hilfe zu finden und fallen damit durch weitere Raster. Kommen damit schwerer aus Problemen, die durch Herkunft und Prägung entstehen können. Wie bei Aykut.
Herkunft und Prägung erklären viel, entschuldigen aber nicht alles. Trauma bindet, entbindet aber nicht von Verantwortung. „Du kannst dich deiner Herkunft nicht entziehen“, sagt Haftbefehl. Wir sollten jungen Menschen aber beibringen und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sie sich ihr stellen dürfen und nicht durch ein Leben am Limit mit Drogen und Gewalt begegnen müssen.

Fotocredits: Netflix
Zwischen Identifikation und Verklärung
Die starke Resonanz, die die Doku bei Jugendlichen auslöst, zeigt vor allem eines: Sie suchen Bilder, in denen sie sich wiederfinden. Viele erkennen in Haftbefehls Biografie Themen, die ihr eigenes Leben berühren. Ausgrenzung, Migration, Chancenungleichheit, familiäre Belastungen. Der Vorschlag des Stadtschülerrats von Offenbach, seine Texte im Unterricht zu behandeln, verweist auf ein wichtiges gesellschaftliches Learning: Jugendliche wollen über diese Realitäten sprechen. Sie wollen sie verstehen und verstanden werden.
Doch Identifikation allein reicht nicht aus, um Orientierung zu geben. Gerade weil viele Jugendliche selbst mit Unsicherheiten, psychischen Belastungen, Armutserfahrungen oder familiären Krisen konfrontiert sind, brauchen sie mehr als nur den Blick auf einen Fall. Sie brauchen Begleitung, Kontext, Sprache für das, was sie erleben. Ein Abbild kann der Anfang sein, aber erst Einordnung macht es fruchtbar.
Dazu gehören ein paar zentrale Fakten, die oft untergehen:
Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Jugendliche erfahren:
Man darf über Überforderung sprechen.
Man darf Unterstützung suchen.
Man darf Grenzen ziehen, auch gegenüber Menschen, die man liebt.
Und: Man muss nicht alles alleine tragen.
Wenn Haftbefehls Geschichte also in Schulen, Jugendgruppen oder Familien thematisiert wird, dann liegt darin eine Chance. Nicht, um ein Leben am Abgrund zu romantisieren, sondern um über Strukturen zu sprechen, über Verantwortung, über psychische Gesundheit, über Sucht als gesellschaftliches Thema.
Es geht darum, aus einem einzelnen Fall kollektives Wissen zu gewinnen: Wie schützen wir Kinder? Wie erkennen wir Warnsignale? Wie entlasten wir Familien? Und wie stärken wir Jugendliche darin, Hilfe in Anspruch zu nehmen, bevor Krisen eskalieren?
Am Ende bleibt für mich vor allem ein Gedanke: Geschichten wie diese können mehr sein als Momentaufnahmen eines einzelnen Lebens. Sie können uns helfen, genauer hinzusehen, besser zu verstehen und gemeinsam Strukturen zu schaffen, die Kinder und Jugendliche stärken.
Am besten nicht erst dann, wenn etwas derart aus dem Ruder gelaufen ist. Wenn wir die richtigen Schlüsse ziehen, entsteht daraus keine Resignation, sondern die Chance, Unterstützung, Aufklärung und Schutz in unserer Gesellschaft ein Stück verlässlicher und zugänglicher zu machen.
